#2 Freundschaft in der Lebensmitte – Wenn Verbindungen sich wandeln

#2 Freundschaft in der Lebensmitte – Wenn Verbindungen sich wandeln

In unserer Januarfolge haben wir über Erwartungen gesprochen. Und wie so oft merken wir erst im Nachklang, wie tief dieses Thema eigentlich reicht.

Denn Erwartungen spielen nicht nur in Partnerschaften oder im Job eine Rolle – sondern ganz besonders in Freundschaften.

Gerade in der Lebensmitte verändern sich Freundschaften oft leise. Fast unmerklich. Manche werden tiefer. Andere verlieren an Intensität oder lösen sich ganz auf. Und manchmal merken wir erst viel später, dass sich etwas verschoben hat.

Doch bevor wir über Veränderungen sprechen, lohnt sich ein Blick auf die Grundlagen.

Was ist eigentlich Freundschaft?

Freundschaft ist eine freiwillige, wechselseitige Beziehung, die auf emotionaler Verbundenheit basiert. Und genau das macht sie so wertvoll.

Sie schenkt uns:

  • Geborgenheit
  • emotionale Sicherheit
  • Resonanz
  • das Gefühl, gesehen und verstanden zu werden

Freundschaft ist keine Zweckgemeinschaft. Sie ist kein Vertrag. Und doch lebt sie von Verbindlichkeit.

Wie viele Freundschaften sind realistisch?

Wir können laut zahlreicher Studien nur eine begrenzte Anzahl enger Beziehungen wirklich pflegen. Neben vielen lockeren Kontakten bleiben meist nur wenige tiefe, tragende Freundschaften, die unsere Herzen zum Schwingen bringen.

Es hilft, hier zu unterscheiden:

  • Bekanntschaften: freundlich, aber ohne große emotionale Tiefe
  • Nutzfreundschaften: zweckgebunden (z. B. Arbeit, Sport, Elternnetzwerke)
  • Liebesbeziehungen: exklusiver, mit anderer emotionaler und körperlicher Dimension


Was macht eine gute Freundschaft aus?

Eine nährende Freundschaft erkennt man oft weniger an großen Worten – sondern am Gefühl danach.

Typische Merkmale sind:

  • Ich kann mich zeigen, wie ich bin.
  • Loyalität – kein Reden hinter meinem Rücken.
  • Ehrlichkeit und Offenheit.
  • Vertrauen und emotionale Sicherheit.
  • Ein Gefühl von Wohlbefinden nach dem Kontakt.
  • Gegenseitige echte Resonanz


Warum entstehen Freundschaften?

Freundschaften entstehen selten rein zufällig. Häufig verbinden uns:

  • räumliche Nähe
  • ähnliche Werte
  • gemeinsame Interessen
  • geteilte Lebensräume (Schule, Nachbarschaft, Sport)
  • vergleichbare Lebensphasen (Elternschaft, Trennung, Menopause)

Doch genau hier liegt auch der Kern vieler Veränderungen.


Freundschaften in der Lebensmitte – was verschiebt sich?

In der Lebensmitte verändern sich die Rahmenbedingungen unseres Lebens deutlich:

  • Die Phase der aktiven Familiengründung ist meist abgeschlossen.
  • Konkurrenz unter Frauen nimmt häufig ab.
  • Es entsteht Raum für neue Formen von Verbundenheit.
  • Neue Netzwerke oder „Rudel“ entstehen.

Gleichzeitig verändern sich bestehende Verbindungen:

  • Ehen gehen auseinander.
  • Kinder, die früher verbindend waren, gehen eigene Wege.
  • Berufliche oder schulische „Zwangsgemeinschaften“ fallen weg.

Und manchmal merken wir:
Wenn der äußere Rahmen verschwindet, verschwindet auch die Verbindung.

Das ist nicht unbedingt ein Scheitern. Manchmal war die Freundschaft an eine Lebensphase gebunden.


Über die Jahre habe ich viele Freundschaften gesammelt.

Eine Freundin kenne ich seit über 45 Jahren – wir waren zusammen in der Grundschule. Andere sind im Studium entstanden oder später im Leben dazugekommen. Manche sehe ich selten – und doch ist da eine tiefe, selbstverständliche Verbindung.

Gleichzeitig spüre ich heute klarer:

Meine Zeit ist begrenzter.
Familie, Arbeit und zwei, drei sehr enge Freundinnen füllen mein Leben gut aus.

Manche Kontakte rutschen leise nach hinten – nicht aus Ablehnung, sondern aus Kapazitätsgründen. Oder weil sich die Lebensumstände und dadurch die gemeinsamen Werte verändert haben.

Von einigen Freundschaften habe ich mich bewusst verabschiedet.
Nicht im Streit. Sondern aus der Erkenntnis heraus, dass sie mehr Energie kosten als geben.

Auch das ist ein Akt von Selbstfürsorge.

Erwartungen in Freundschaften

Und damit sind wir wieder beim Thema Erwartungen.

  • Was erwarte ich von einer Freundschaft?
  • Wie viel Nähe brauche ich – wie viel Distanz?
  • Darf sich eine Freundschaft verändern?
  • Wie steht es um das gegenseitige Interesse aneinander?

Die vielleicht wichtigste Frage lautet:

Wann lohnt es sich festzuhalten – und wann ist Loslassen gesund?


Ein Mini-Tool aus der Gruppenpsychologie

Beziehungen – auch Freundschaften – durchlaufen Phasen. Ein Modell aus der Gruppenforschung beschreibt diese Dynamik:

  1. Forming – Kennenlernen, Suche nach Gemeinsamkeiten
  2. Storming – Reibung, Konflikte
  3. Norming – neue Regeln, Anpassung
  4. Performing – stabile, tragfähige Verbindung
  5. Re-Norming – erneute Anpassung bei Veränderungen

Entscheidend ist:

Wenn immer wieder ein echtes Re-Norming gelingt – also gegenseitiges Interesse, Anpassungsbereitschaft und Resonanz bleiben – lohnt es sich, dranzubleiben.

Loslassen wird sinnvoll, wenn keine Resonanz mehr da ist. Wenn die Magie, da gute Gefühl füreinander fehlt.

Und zum Schluss: Welche Freundschaft ist dir besonders wichtig? Für wen bist du dankbar? Vielleicht schickst du dieser Person unseren Podcast und ihr tauscht euch gemeinsam darüber aus? Hört doch mal rein;-)